Das bewegte Buch

Ein Pionierprojekt zur interaktiven 3D-Digitalisierung historischer Spielbilderbücher

Bei Bewegungsbüchern – d.h. bei solchen Büchern, die mit ihren charakteristischen Ziehlaschen, Drehscheiben und anderen mechanischen Elementen über das reine Aufschlagen und Blättern hinaus zur Interaktion einladen – handelt es sich keineswegs um einen nur marginalen Sonderfall neben dem Standardkodex. Vielmehr ist diese Gattung bereits seit der Gutenberg-Zeit geläufig – von Volvellen, Sündenregistern und Anatomielehrbüchern der Frühen Neuzeit bis hin zu modernen Popup-Comics, künstlerischen Buchobjekten und vor allem Spielbilderbüchern. Letztere bezeichnen mit Abstand die vielfältigste und international am weitesten verbreitete Erscheinungsform von Bewegungsbüchern, mit einer ersten Hochblüte im ausgehenden 19. Jahrhundert in Gestalt des auch nach heutigen Maßstäben spektakulären Werks des erfindungsreichen Münchener Papieringenieurs Lothar Meggendorfer.

Als Zentral- bzw. Leitbibliothek des deutschen Kaiserreichs und Teil der 1989 gegründeten Arbeitsgemeinschaft Sammlung deutscher Drucke – der virtuellen retrospektiven Nationalbibliothek für die Zeit vor 1913 – besitzt die Staatsbibliothek zu Berlin (SBB) einen nach Qualität wie Quantität herausragenden, da systematisch aufgebauten Bestand an historischen Spielbilderbüchern, in dem das gesamte typologische Spektrum dieser facettenreichen Gattung dokumentiert ist. Dieses reicht in zahlreichen Binnenstufen von Werken, die einen weiten interaktiv-performativen Möglichkeitsraum öffnen – etwa Papierbühnen und Spielbilderbücher mit Steckfiguren –, bis zu den unterschiedlichen Varianten der in ihren Bewegungsangeboten stärker präformierten Popup-, Verwandlungs- oder Drehbilderbücher.

In der Absicht, eine repräsentative Auswahl dieser Werke der Forschung virtuell zugänglich zu machen und damit zugleich einen Musterworkflow zur digitalen Replikation anderer kinetischer Sammlungsobjekte in Kulturerbeeinrichtungen wie Retabeln, Astrolabien oder Automaten zu erproben, ist es der SBB erfreulicherweise gelungen, Projektfördermittel bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft einzuwerben. Konkretes Ziel ihres Vorhabens Pop-up 3D – Digitalisierung und interaktive Visualisierung historischer Spielbilderbücher in wissenschaftsgeleiteter Praxis ist es, ein Korpus von 100 gemeinfreien Exemplaren dieser zwischen Buch und Spielzeug changierenden Werke so in den Open Access zu transformieren, dass beliebige Bewegungssequenzen zitierfähig und damit für Dritte reproduzierbar gemacht werden können. Nicht-referenzierbare Präsentationsmodi historischer Spielbilderbücher werden von Forschenden verschiedener Disziplinen nämlich ebenso einhellig als unzureichend bewertet wie nicht-interaktive.

Es geht damit also um ein veritables Pioniervorhaben mit großem Zukunftspotential, denn die Aktivitäten von Archiven, Bibliotheken und Museen auf dem Feld der 3D-Digitalisierungen bleiben bislang überwiegend auf die Bearbeitung statischer Artefakte wie Skulpturen, Münzen oder Siegel beschränkt – unbeschadet einer aktuellen EU-Ausschreibung zur digitalen Replikation und Analyse dynamischer Kulturobjekte.

Zur Herstellung der interaktiven 3D-Visualisierungen soll Fotogrammetrie und vor allem Animationstechnologie zum Einsatz kommen, wie sie im Game Design gebräuchlich ist. Jenseits der technischen Sachgründe leuchtet diese Entscheidung auch insofern ein, als doch Spielbilderbücher und Computerspiele unter mediengenetischem Aspekt eng miteinander verwandt sind. Die Rekonstruktion besagter Traditionslinien war übrigens Gegenstand eines flankierenden Forschungs- und Ausstellungsprojekts der SBB mit Förderung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und Unterstützung durch das Berliner Computerspielemuseum. Im Mittelpunkt des im Pop-up-3D-Kontext angestrebten Präsentationsszenarios steht allerdings die statische, von allen Bewegungsfunktionen entkleidete ‚Flachwareansicht‘ der in den Blick genommenen Spielbilderbücher im Sammlungsportal der SBB. Mit ihr werden auf externen Instanzen wie dem AV-Portal der Technischen Informationsbibliothek (TIB) sowohl sekundengenau zitierfähige Videoaufzeichnungen musterhafter Spielsequenzen des betreffenden Werks verknüpft als auch seine interaktive Visualisierung.

Das geplante additive Vorgehen, aus der synoptisch-multimodalen Zusammenschau von 2D-Digitalisat, Videoaufnahme und interaktiver 3D-Visualisierung einen präzisen Eindruck von Materialität, Inhalt und Mechanik des jeweiligen Spielbilderbuchs zu erzeugen, basiert auf den Empfehlungen einer 2018 veröffentlichten Konzeptstudie der SBB zur digitalen Replikation dynamischer Buchobjekte im eHeritage-Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Deren Gültigkeit und Wissenschaftsadäquanz konnte jüngst nochmals im Dialog mit Forschenden verschiedener Fächer – von Buch- und Kunstwissenschaften bis Komparatistik – überprüft werden. Veranstaltet wurde besagtes Dialog-Format von der SBB in Kooperation mit der Deutschen Nationalbibliothek – das Deutsche Buch- und Schriftmuseum an ihrem Leipziger Standort besitzt ebenfalls eine umfangreiche Sammlung von Spielbilderbüchern des 19. und vor allem 20. Jahrhunderts – sowie dem NFDI4Culture-Konsortium, das daraus sogar eine eigene Workshop-Reihe unter Einbeziehung weiterer Disziplinen machen sollte.

Im Kontext des Pop-up-3D-Projekts bleibt die Kooperation mit NFDI4Culture aber nicht nur auf die Organisation gemeinsamer Veranstaltungen beschränkt. Auch bei der praktischen Realisierung des Vorhabens erweist sich die Zusammenarbeit mit diesem NFDI-Konsortium als ausgesprochen hilfreich und gewinnbringend, womit insbesondere die Weiterentwicklung des quelloffenen 3D-Viewers Kompakkt zu Semantic Kompakkt im Rahmen des von TIB und SBB verantworteten 4Culture-Aufgabenbereichs Digitalisierung und Anreicherung digitaler Kulturgüter angesprochen ist. Ziel der gemeinsamen Aktivitäten ist es, Kompakkt mit Annotationsinstrumenten auszustatten, mit deren Hilfe wiederum beliebige Interaktionen mit 3D-Modellen dokumentiert und für Dritte reproduzierbar gemacht werden können – mithin eine Kooperationsperspektive wie aus dem Spielbilderbuch!

Projektnummer: 527302005

Author: Christian Mathieu